Sonntag, 16. April 2017

Lohnspreizung und Effizienz

Der Armuts- und Reichtumbericht der Bundesregierung hat dankenswerterweise auf das Problem der Lohnspreizung hingewiesen: Die Reallöhne im unteren Lohnbereich sind seit 1995 deutlich zurückgegangen, die im oberen Lohnbereich dagegen deutlich gestiegen:


Diese Tatsache, die m.E. eine Hauptursache für die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung in vielen westlichen Ländern darstellt, wurde lange ignoriert. Der Sachverständigenrat, dem bereits 2012 eine Expertise zu diesem Thema vorlag, die nachdrücklich auf diese besorgniserregende Entwicklung hingewiesen hatte, hat das Problem einfach übergangen und ignoriert. Ich selbst habe mich in mehreren Veröffentlichungen, beginnend 2007, theoretisch mit dieser Entwicklung auseinandergesetzt und insbesondere die damals und auch heute noch vorherrschende Sicht kritisiert, dass diese Entwicklung hauptsächlich durch  einen zunehmenden Knappheit an hochqualifizierten Mitarbeitern erzeugt wäre. Dem steht der emprische Sachverhalt einer zunehmenden Überqualifikation in allen Arbeitsmarktsegmenten entgegen. Meine Sicht ist, dass durch den Abbau von Routinetäötigkeiten in allen Arbeitsmarktsegmenten die Produktivitätsdifferenzen zwischen Mitarbeitern auf allen Qualifikationsstufen immer bedeutsamer werden, die Unternehmungen zu einer Konkurrenz um besonders leistungsfähige Mitarbeiter anreizen, und dass dies dann die (volkswirtschaftlich sinnlosen und allokativ sogar schädlichen) überzogenen Lohndifferentiale bewirkt.

Die Autoren, die einen wesentlichen Beitrag zur Ungleichheitsdebatte geliefert und sorgfältig diskutiert haben, haben diese Problematik übersehen. Sie sind der Meinung, dass der Rückgang der Tatrifbindung ein wesentlicher Faktor sei und sehen die These des "skill-biased technological progress" mit Skepsis. Dem allen kann ich, jedenfalls als Vermutung, zustimmen. Zusätzliche Investitionen in Bildung und Qualifikation, so wünschenswert sie in anderer Hinsicht sein mögen, werden allerdings aus meiner Sicht die Lohnspreizung eher verstärken als dämpfen.

Ich habe versucht, meine theoretischen Überlegungen in etwas allgemeinverständlicher Weise darzustellen. Wen das interessiert, der kann hierhier und hier  nachschauen.

Kommentare:

  1. Nun ja, der Sachverständigenrat hat das Problem leider weder übergangen noch ignoriert. Er hat in einem seiner Gutachten aktiv versucht, es herunterzuspielen. Dabei schreckte er nicht einmal davor zurück, eine wissenschaftlich wertlose und extrem manipuliative Studie des Lobbyinstituts der deutschen Wirtschaft (IW) zu plagiieren. Oder?

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  2. Sie haben recht. Ich habe hier zu zurückhaltend formuliert. In dem verlinkten Blog ist genauer erklärt warum ich die in Frage stehenden Aussagen des Sachverständigenrats für bewusst irreführend und ideologisch motiviert halte. In diesem Blog war das ja nur eine Nebenbemerkung ohne nähere Begründung.

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  3. Die Berechnungnen der realen Bruttostundenlöhne legen ja eine einheitliche Inflationsrate zugrunde. Wäre die Lohnspreizung der realen Bruttostundenlöhne denn nicht noch viel extremer, wenn man einen für jedes Dezil repräsentativen Warenkorb zur Inflationsberechnung heranziehen würde, als einen durchschnittlichen, repräsentativen Warenkorb für die Gesamtpopulation?
    Gibt es dafür irgendwelche Zahlen?

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    1. Ich habe da keine Ahnung, aber man könnte ja beim statistischen Bundesamt nachsehen. Die haben Preisindices für alle möglichen Personengruppen.

      Eine solche Diskussion lenkt aber m.E. eher vom Hauptproblem ab. Siehe dazu die früheren Blogs Ein wissenschaftlicher Rückschritt und Teure Häuser und Hochzeiten

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