Freitag, 25. Juli 2014

Restriktive versus expansive Politik: Kansas und Kalifornien.

Hier ein Post von Paul Krugman, der die Wirkungen restriktiver und expansiver Politik gegenüberstellt, in Auszügen:
Die US-Bundesstaaten sind, wie Richter Brandeis bekannterweise bemerkt hat, die Laboratorien der Demokratie ... Kürzlich ist Kansas auf eine radikale angebotsorientierte Wirtschaftspolitik umgeschwenkt und hat die Steuern für die Reichen gesenkt, in der Hoffnung, damit die Initialzündung für einen großen Aufschwung zu geben. Der Aufschwung blieb aus, aber das Haushaltsdefizit ist explodiert -- ein Lehrbeispiel für alle, die willens sind, aus der Erfahrung zu lernen.

Es gibt noch eine größeres, aber nicht so drastisches Experiment in der anderen Richtung. Kalifornien hat lange unter politischer Lähmung gelitten ... Im Jahre 2012  wurden die Demokraten hinreichend stark um die zuvor von der republikanischen Minderheit erzwungene Blockade zu brechen. Gouverneur Jerry Brown war in der Lage, einige Maßnahmen, wie höhere Steuern, zusätzliche  Staatsausgaben und eine Erhöhung des Mindestlohnes durchzusetzen. ... 

Wie zu erwarten haben die Konservativen den Weltuntergang vorhergesagt. .... Aber was ist tatsächlich passiert? Ich bedaure: kein Anzeichen einer Katastrophe. Falls die Steuererhöhungen eine große Flucht aus Kalifornien verursacht haben sollten, kann man dies jedenfalls nicht in den Statistiken sehen. In den letzten 18 Monaten ist die Beschäftigung um 3,6% gestiegen. Zum Vergleich: In den USA insgesamt ist die Beschäftigung in diesem Zeitraum um 2,8% gestiegen. ...

Und übrigens, der kalifornische Staatshaushalt weist wieder einen Überschuss aus. ...

Der kalifornische Erfolg zeigt: Der ideologische Extremismus, der immer noch weite Bereichen der amerikanischen Politik dominiert, ist Unsinn.

Mittwoch, 23. Juli 2014

Ein wissenschaftlicher Rückschritt


Ein schönes Beispiel für die Verdrängung einer guten Theorie durch eine schlechtere Theorie findet sich in der makroökonomischen Konsumtheorie. Hier wurde James Duesenberrys Relativeinkommenshypothese aus dem Jahre 1949 durch Milton Friedmans Permanenteinkommenshypothese aus dem Jahre 1957 vollständig verdrängt in dem Sinne, dass sie in modernen Standard-Lehrbüchern wie etwa dem (ansonsten in vieler Hinsicht ausgezeichneten) Buch von Blanchard und Illing (2004) keine Erwähnung findet.

Bei der hier zu behandelnden Frage geht es um zwei empirische Regelmäßigkeiten. Die erste ist, dass zu einem gegebenen Zeitpunkt der Anteil der Ersparnis am Einkommen -- die Sparquote -- bei den Haushalten um so höher ist, je höher das Haushaltseinkommen ist:

Abbildung 1 Quelle: IG Metall, 2008, (Link)


Die zweite Beobachtung ist, dass im Laufe der Zeit das Einkommen pro Kopf (in Kaufkraft gerechnet) stetig zunimmt:

  
Abbildung 2 Quelle: Ökonomenstimme (Link)


Das Pro-Kopf Einkommen hat sich also von 1950 bis 200 ungefähr verfünffacht. Das gilt für die Reichen und für die Armen. Aus der Sicht von 1950 sind die heutigen Armen reich, und aus heutiger Sicht sind die Reichen von 1950 arm. Dies führt auf das Problem, das den Ausgangspunkt von Duesenberrys Überlegungen bildet. Er schrieb 1949 (S. 26):
 Vor dreißig Jahren hat eine Durchschnittsfamilie mit einem Einkommen von 1500 $ (gerechnet in Preisen von 1940) 8 Prozent des Einkommens gespart. 1941 hat eine vergleichbare Familie nichts gespart. Man kann wohl kaum behaupten, dass in dieser Zeit das Sparbedürfnis, aus welchem Grunde auch immer, zurückgegangen wäre. Aus irgendeinem Grund ist das Bedürfnis nach Konsum gestiegen, das ist aber wohl schwerlich auf biologische Veränderungen oder gewachsene Bedürfnisses nach Komfort und Bequemlichkeit zurückzuführen.
Aus dieser Überlegung entwickelte er die These, dass sich die  Ersparnis nicht am absoluten Einkommen, sondern am relativen Einkommen orientiert. Wenn alle Einkommen sich verdoppeln, wird sich an dem in Abbildung 1 gezeigten Bild außer den Einkommensangaben nichts ändern. Die Einkommensangaben würden sich lediglich alle verdoppeln. Das zeigt sich auch daran, dass sie volkswirtschaftlich Sparquote über Jahrzehnte hinweg ziemlich konstant bleibt und keineswegs zunimmt, wenn alle Laute immer reicher werden.

Duesenberrys Erklärung war, dass die Menschen ihre Konsumentscheidungen an dem orientieren was sie als normal empfinden, und sie empfinden als normal, was sie um sich herum -- in ihrer "Bezugsgruppe", also bei den Menschen, mit denen sie sich vergleichen -- wahrnehmen. Diese These hat Duesenberry mit vielen Beobachtungen untermauert, z.B. mit der Beobachtung, dass die schwarzen Amerikaner durchschnittlich eine geringere Sparquote haben als die weißen, dass sich aber beim Vergleich von schwarzen und weißen Haushalten mit vergleichbarem Einkommen zeigt, dass die schwarzen Haushalte eine höhere Sparquote haben als die weißen. Dies steht im Einklang mit der Relativeinkommenshypothese, denn die Bezugsgruppen der schwarzen Haushalte verdienen weniger als die der weißen Haushalte, und entsprechend sind die Anschpruchsniveaus der schwarzen Haushalte geringer und sie konsumieren weniger und sparen mehr.. All das und vieles mehr hat Duesenberry mit umfangreichen Statistiken und Hinweisen auf eine Vielzahl soziologischer Studien zu dieser Thematik belegt.

Milton Friedman hat dies alles nicht angezweifelt, hat aber entgegengehalten, dass man eine viel einfachere Erklärung geben kann, die nicht auf soziologische Überlegungen zurückgreifen muss sondern rein ökonomisch bleiben kann und deshalb vorzuziehen sei. Seine Überlegung ist, dass man, wenn man weniger verdient als in seiner Bezugsgruppe durchschnittlich verdient wird, damit rechnen kann, dass das Einkommen nur vorübergehend niedrig ist und später entsprechend höher sein wird. Im Durchschnitt rechnet jeder damit, das zu verdienen, was in seiner Bezugsgruppe verdient wird. Jeder in einer Bezugsgruppe rechnet also mit einem ähnlichen "permanenten Einkommen"  und orientiert seine Konsumentscheidungen an diesem permanenten Einkommen. Entsprechend sparen die Armen wenig, weil sie damit rechnen, später reich zu werden, und die Reichen sparen viel, weil sie damit rechnen, später arm zu werden.

Auf den Mangel dieser Theorie muss ich nicht im einzelnen eingehen. Es erscheint insbesondere nicht besonders rational (um ein Lieblingsthema mancher Ökonomen aufzugreifen) bei relativ geringer sozialer Mobilität die Erwartung zu haben, bald reich oder bald arm zu werden.

Der bedeutende Ökonom Robert Frank hat dazu 2005 bemerkt:
Eine überwältigende Evidenz spricht dafür dass soziale Vergleichsprozesse wichtig sind: Deshalb ist es nur fair festzustellen, dass Duesenberrys Theorie auf realistischeren Annahmen über menschliches Verhalten beruht als die von Herrn Friedman.  Sie war außerdem erfolgreicher, das tatsächliche Ausgabeverhalten zu erklären. Dennoch bleibt seine Theorie, wie bemerkt, in den führenden Lehrbüchern unerwähnt.
Das hat sich seit 2005 nicht geändert. Es gibt aber neue Evidenz für Duesenberrys Theorie. Sie stammt aus der Neuroökonomie. Thomas Dohmen, Armin Falk, Klaus Fliessbach, Uwe Sunde und Bernd Weber haben mittels Funktioneller Resonanztomographie (fMRI, functional magnetic resonance imaginging) die Aktivität von Gehirnregionen untersucht, die auf Belohnungen ansprechen. Sie kommen zu dem Schluß:
Wir zeigen insbesondere dass der Aktivitätsgrad des ventral stratum mit zunehmendem absoluten Einkommen ansteigt und -- bei gegebenem absoluten Einkommen -- bei Verringerung des relativen Einkommens abnimmt.
Eine weitere Bestätigung von Duesenberrys These, diesmal aus neuro-ökonomischer Sicht.

Woher die sonderbare Ablehnung von Duesenberrys Überlegungen seitens der Ökonomen?

Die Ablehnung von Duesenberrys Theorie erfolgt wohl aus dem Bedürfnis vieler Ökonomen, alles soweit wie möglich "rein ökonomisch", d.h. aus Rationalverhalten und ohne Rückgriff auf psychologische oder soziologische Befunde, zu interpretieren. Sie nennen das dann "ökonomisch erklären".

Leider ist diese Schrebergartenmentalität -- die Weigerung, relevante Befunde aus anderen Disziplinen zur Kenntnis zu nehmen -- in der Ökonomie sehr verbreitet. Sie geht auf den österreichischen Volkswirt Carl Menger (1883) zurück und wurde in der modernen österreichischen Theorie etwa von Ludwig von Mises (1996) kultiviert. Friedman unterscheidet sich jedoch wohltuend von der Empiriefeindlichkeit dieser österreichischen Schule, weil er die Notwendigkeit empirischer Forschung betont. Er ist allerdings stolz darauf unrealistische Theorien zu vertreten wie er 1953 dargelegt hat. Seine Konsumtheorie steht insofern mit seinen methodischen Überzeugungen in Einklang.

Die Ökonomen sind ihm methodisch gefolgt. Die moderne Makroökonomik Chicagoer Provenienz treibt Friedmans theoretische Position auf die Spitze. Duesenberrys Theorie hat in dieser a-priori-Welt keinen Platz. Deshalb ist sie aus den Lehrbüchern verschwunden -- sogar überraschender Weise auch aus den neueren neo-keynesianischen Darstellungen, die in vielem Methodischen eher Chicago als Alfred Marshall und John Maynard Keynes folgen.

Es wird interessant sein zu sehen, wie die Entwicklung weitergeht.

Literaturhinweise

Blanchard, Olivier und Gerhard Illing (2008): Makroökonomie, 4. aktualisierte Auflage, Addison-Wesley (Link).

Dohmen, Thomas Johannes, Armin Falk, Klaus Fliessbach, Uwe Sunde und Bernd Weber:
Relative versus absolute income, joy of winning, and gender: Brain imaging evidence, Journal of Public Economics 2011, 95(3-4), 279-285 (Link)


Duesenberry, James (1949): Income, Saving, and the Theory of Consumer Behavior, Harvard University Press (Link).

Friedman, Milton (1957): A Theory of the Consumption Function, Princeton University Press (Link)

Friedman, Milton (1953): The Methodology of Positive Economics, in M. Friedman: Essays in Positive Economics, Chicago University Press  (Link)

Menger, Carl (1883): Untersuchungen über die Methode der Sozialwissenschaften und der politischen Ökonomie insbesondere. Mohr-Siebeck, Duncker und Humblot (Link)

Mises, Ludwig von (1996): Human Action: A Treatise in Economics, Liberty Fund, (Link)