Samstag, 24. Dezember 2011

Hirschmans Prinzip der verbergenden Hand und der Euro

Albert Hirschman hat darauf hingewiesen, das viele erfolgreiche Projekte in Entwicklungsländern nicht in Angriff genommen worden wären, wenn man die Schwierigkeiten vorausgesehen hätte, die tatsächlich aufgetreten sind und die letzten Endes bewältigt wurden. Er nennt das, in Anspielung an Adam Smith's "unsichtbare Hand", das "Prinzip der verbergenden Hand" und  und charakterisiert dies wie folgt:
Wenn die Planer eines Entwicklungsprojektes im voraus um all die Schwierigkeiten gewußt hätten, die auftreten könnten und aufgetreten sind, hätten sie das Projekt wohl nie in Angriff genommen .... In einigen, wenn auch gewiss nicht allen, Fällen wäre ein solches Wissen nachteilig gewesen, denn die auftauchenden Probleme haben Lösungen induziert die letztlich nicht nur das Projekt gerettet, sondern über alle Erwartungen hinaus erfolgreich gemacht haben.
Hirschman gibt dazu bemerkenswerte Beispiele aus der Entwicklungsökonomik. Ich hoffe, dass das Projekt einer einheitlichen europäischen Währung  in zwanzig Jahren als weiteres Beispiel für Hirschmans Prinzip der verbergenden Hand herangezogen werden kann. Ausgeschlossen ist das nicht, aber es wird nur möglich sein, wenn wir den Mut haben, neue Lösungen zu finden -- insbesondere für die Strukturkrise in Euroraum.

Wie Hirschman eindrucksvoll bemerkt, liegt der Schlüssel in der menschlichen Kreativität
Kreativität ist notwendigerweise nicht vorhersehbar. Deshalb scheuen wir uns auf Krewativität zu bauener und können auch nicht im voraus auf Kreativität vertrauen.  Anders ausgedrückt, wir würden nicht auf den Erfolg von Projekten setzen deren Erfolg offensichtlich von der Entfaltung einer solchen Kreativität abhängt.
Die Rezttung des Euro scheint eine derartige Kreativiträt zu erfordern. Ohne sie wird das Projekt wohl leider scheitern. Sture Regeln wie Maastricht bieten geradezu eine Garantie für ein solches Scheitern, aber Hirschman lässt uns hoffen.
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Kommentare:

  1. Mal etwas Grundsätzliches

    Die Spitze des Eisberges (Teil 1)

    Die Worte „das war jetzt die finale Rettungsmaßnahme“ sind noch nicht verhallt, da wird schon die Notwendigkeit einer neuen Rettungsmaßnahme angekündigt. Ist das Zufall oder hat das grundlegende Ursachen?

    Die bisherigen Maßnahmen beruhen auf den bisherigen Wirtschaftsvorstellungen nach der Methode „wir verändern, damit alles beim Alten bleibt“, bzw. „wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß“. Kann aber ein solches Vorgehen die Probleme lösen?

    Die Finanzwirtschaft setzt auf der Realwirtschaft auf. Die Finanzen sind das Schmiermittel der Realwirtschaft – ohne Schmiermittel läuft kein Motor – aber zuviel Schmiermittel ist auch schädlich.

    Welche Veränderungen sind in der Realwirtschaft eingetreten, die zum Versagen der Finanzwirtschaft geführt haben? Früher war die Arbeitsproduktivität so gering, daß trotz eines übermenschlichen 12-Stunden-Tages viele hungerten usw. Heute ist die Arbeitsproduktivität so rasant gestiegen und hat den Konsum weit überholt – dadurch sank die Arbeitszeit, aber in unzweckmäßiger Verteilung, nicht durch politische Maßnahmen. Von 1991 bis 2010 sank das Arbeitsvolumen von 60,082 Mrd. Stunden auf 57,086 Mrd. Stunden (Asef, Wanger, Zapf: Statistische Messung des Arbeitseinsatzes. Statistisches Bundesamt, Wirtschaft und Statistik, November 2011), obwohl die Zahl der Erwerbspersonen im gleichen Zeitraum von 40,823 Mill. Erwerbspersonen auf 43,298 Mill. Erwerbspersonen stieg (Statistisches Bundesamt „Zahl der Erwerbspersonen mit Wohnort Deutschland“ – 23.12.2011) – bzw. die durchschnittliche jährliche Arbeitszeit sank von 1450 h auf 1280 h pro Erwerbsperson. Das ist eine durchschnittliche jährliche Senkung von 0,65% in diesem Zeitraum. Früher war die Senkung sogar ca. 1,5% jährlich (Jochen Ebel: „Arbeitszeit und Rentenhöhe“). Bei den Erwerbspersonen fehlt die stille Reserve – 2010 zeigt die Alterspyramide Deutschlands 50,044 Personen im Alter von 20 bis 64 Jahren. Das wäre sogar eine durchschnittliche Arbeitszeit von nur 1140h/Jahr.

    Insgesamt: von einer unmenschlich langen Arbeitszeit ist die Arbeitszeit auf einen Wert gefallen, der so gering ist, das Viele bereit sind länger zu arbeiten als es volkswirtschaftlich sinnvoll ist – und die Politik hat nicht reagiert. Änderungsvorschläge dazu (und die sind ähnlich) bei Ebel, S. 98ff und Carsten Stahmer: Gendermodell der Halbtagsgesellschaft S. 9 (http://www.carsten-stahmer.de/downloads/HP.2008-01.%20%20Gendermodell%20der%20Halbtagsgesellschaft-2.pdf )

    Früher wurden Gewinne in der Realwirtschaft für Investitionen dringend gebraucht und fast sofort investiert und die meisten Menschen konnten gar nicht sparen. Die Summe der Geldmittel entsprach etwa dem Realwert.

    Weil auf die Veränderung der Produktivität nicht adäquat regiert wurde, sammelten sich bei den Banken erhebliche Werte an, für die kein entsprechender Bedarf in der Realwirtschaft existiert – trotzdem erwarten die Gläubiger hohe Gewinne. Da aber die Zinsen nur in der Realwirtschaft erarbeitet werden können, bleibt nur die Spekulation. Und wenn durch Änderung der Finanzregeln irgendwelche Spekulationswege versperrt werden, dann finden „findige“ Finanzleute neue Wege – es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig.

    Den Spagat zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft sieht man ganz deutlich beim Exportüberschuß (nicht dem ausgeglichenen Außenhandel). Um den Exportüberschuß zu bezahlen muß der Importeur Kredite aufnehmen (Deutsche Bundesbank März 2006: Die deutsche Zahlungsbilanz für das Jahr 2005: „Entsprechend [dem Exportüberschuß] stellte Deutschland dem Ausland über Netto-Kapitalexporte in beträchtlichem Maße heimische Ersparnisse zur Verfügung.“ und das Ganze ist auch eine Form der Spekulation.

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  2. Die Spitze des Eisberges (Teil 2)

    Keynes hatte schon darauf aufmerksam gemacht das nicht nur der Schuldner zu bestrafen ist (und da ist eigentlich wenig Grund, der befindet sich in einer Zwangslage), sondern auch der Gläubiger (der das nur aus der „Zwangslage Spekulation“ macht). Aber von der Bestrafung der Gläubiger ist Nichts zu hören.

    Mit freundlichen Grüßen

    Noch einzelne Punkte:
    1. Die steigende Arbeitsproduktivität entsteht auch durch Verbesserung der Infrastruktur, was eine steigende Staatsquote erfordert.
    2. Eine Reduzierung der Staatsausgben (Sparen) vergrößert oft das Defizit, weil – anders als beim Familienhaushalt – dadurch die Einnahmen sinken und die sozialen Kosten steigen.
    3. Via Banken werden die Staatsschulden hauptsächlich bei denen aufgenommen, von denen man die gleichen Geldmittel als Steuern erhalten kann – ein internationaler Wettbewerb zur Steuersenkung um die Unternehmen zu halten ist also tödlich und ein solcher Wettbewerb sollte durch internationale Abstimmung vermieden werden. Denn – zumindest die führenden - Industrieländer stehen vor den gleichen Problemen.

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  3. Zur Spitze ds Eisbergs (Jochen Ebel27. Dezember 2011 10:49) eine Ergänzung:
    "... sammelten sich bei den Banken erhebliche Werte an, für die kein entsprechender Bedarf in der Realwirtschaft existiert – trotzdem erwarten die Gläubiger hohe Gewinne."

    Ein Artikel im Spiegel 23/2012 vom 04.06.2012, S. 78 - 81:
    Sven Böll, Martin Hesse: Wohin mit all dem Geld?

    Zitat: "Während die Staaten durch die Schuldenkrise taumeln, wissen Pensionskassen, Fonds und Versicherungen kaum noch, wie sie ihre Milliarden sicher investieren sollen."

    Mit freundlichen Grüßen

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