Freitag, 20. Oktober 2017

Ein interessanter empirischer Befund zur zunehmenden Lohnungleichheit

Die OECD hat eine umfangreiche empirische Studie zu der Frage nach den Ursachen der zunehmenden Ungleichheit vorgelegt (Divided We Stand: Why Inequality Keeps Rising,OECD Publishing 2011, Link). Die Untersuchung wertet Daten von 22 OECD-Ländern aus,  beginnend mit den frühen 1980ger Jahren bis zum Jahre 2008.

Die Studie enthält viele hochinteressante Ergebnisse und Statistiken. Besonders bemerkenswert finde ich das Ergebnis zur Wirkung der Belastung von Löhnen mit Steuern, Sozialabgaben und Lohnnebenkosten ("tax wedge"). Hier besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang zwischen der Steuerbelastung und der Lohnungleichheit ("wage dispersion", Lohnspreizung): Je geringer die Steuerbelastung, umso  größer wird die Lohnungleichheit. Ich habe das in dem unten abgebildeten Ausschnitt aus Tabelle 2 der Studie auf S. 32 rot hervorgehoben.

aus Divided We Stand: Why Inequality Keeps Rising, OECD Publishing 2011, S. 32.
„Wage dispersion“ bezeichnet die Ungleichheit der Bruttolöhne einschließlich der Lohnnebenkosten und Sozialabgaben, „tax wedge“ bezeichnet die Belastung dieser Bruttolöhne durch Steuern, Lohnnebenkosten, und Sozialabgaben.  

Dies Ergebnis ist deshalb interessant, weil es in direktem Widerspruch zur  konventionellen Theorie der Lohnbildung nach dem Angebots-Nachfrage-Schema steht und andrerseits als Ergebnis zu erwarten ist, wenn die Lohnbildung gemäß der "Effizienzlohntheorie" erfolgt. Der Befund liefert also eine starke empirische Unterstützung für die Sicht, dass Effizienzlohngesichtspunkte für die Lohnbildung wichtig sind und dass das Angebots-Nachfrage-Schema für die Lohntheorie in wichtigen Fragen sehr irreführend sein kann.

Im folgenden soll in möglichst einfacher Form erklärt werden wie eine Erhöhung der Steuer- und Abgabenbelastung von Löhnen auf die Lohnspreizung in der Angebots-Nachfrage-Theorie einerseits und in der Effizienzlohntheorie andrerseits wirkt.

Die Wirkung einer Erhöhung der Abgabenbelastung von Löhnen bei der Angebots-Nachfrage-Theorie. 

 

Wir betrachten einen Arbeitsmarkt für eine bestimmte Tätigkeit. Der entsprechende Lohn bildet sich aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage auf diesem Arbeitsmarkt. Ist der Lohn auf diesem Markt bei gegebenen Löhnen auf den anderen Arbeitsmärkten zu niedrig, so sind nicht hinreichend viele Arbeiter bereit, ihre Arbeit auf diesem Markt anzubieten um die Nachfrage seitens der Unternehmungen zu befriedigen. Es entsteht Übernachfrage. Die Unternehmungen konkurrieren um die Arbeitskräfte. das führt zu Lohnerhöhungen bis Angebot und Nachfrage übereinstimmen. Umgekehrt entsteht bei einem zu hohen Lohn ein Überangebot an Arbeitskräften. Das ermöglicht den Unternehmungen, sich wechselseitig zu unterbieten. Der Lohn fällt bis schließlich der Arbeitsmarkt geräumt ist.

Derartige Prozesse finden auf allen Arbeitsmärkten statt. Im Gleichgewicht sind alle Arbeitsmärkte geräumt. Die Lohndifferentiale zwischen den verschiedenen Tätigkeit ergeben sich dann als "kompensierende Differentiale": Sie veranlassen die Arbeitskräfte, ihre Tätigkeiten so zu wählen, dass sie der Nachfrage der Unternehmungen bei diesen Löhnen gerade entsprechen. Wenn diese Differentiale verändert werden, ergeben sich Ungleichgewichte. Angebot und Nachfrage auf den einzelnen Märkten stimmen dann nicht mehr überein. Das führt zu entsprechenden Lohnanpassungen.

Betrachten wir zwei Tätigkeiten A und B, die für gewisse Arbeitskräfte in Frage kommen. Tätigkeit B  setzt eine längere und teurere Ausbildung voraus als Tätigkeit A. (Beispiel: A steht für "Metallfacharbeiter" und B für "Metallfacharbeiter mit großem Schweißschein", kurz "Schweißer".) In einem Marktgleichgewicht bildet sich das Lohndifferential zwischen den Tätigkeiten A und B so, dass hinreichend viele bereit sind, sich der Ausbildung für Tätigkeit B zu unterziehen. Wenn die beiden Tätigkeiten ungefähr gleich angenehm oder unangenehm sind, wird Tätigkeit B besser bezahlt werden als Tätigkeit A. (Wenn Tätigkeit B angenehmer ist als Tätigkeit A wird das Lohndifferential im Gleichgewicht entsprechend geringer sein. Das folgende Argument sieht von derartigen Modifikationen ab die das grundsätzliche Ergebnis aber nicht verändern würden.) Dabei bezieht sich das Lohndifferential auf die Nettolohneinkommen, denn das ist ja die Größe, an der sich die Arbeiter bei ihrer Entscheidung orientieren. Für die Unternehmungen ist hingegen der Bruttolohn interessant, der zusätzlich zum Nettolohn die Steuern, die Sozialabgaben und die Lohnnebenkosten einschließt und die Kosten für den Arbeitseinsatz bestimmt.

Wird nun die Besteuerung der Lohneinkommen erhöht, so wird das Lohndifferential - der Unterschied zwischen der Nettoentlohnung bei den Tätigkeiten A und B - verringert. Die Attraktivität von Tätigkeit B gegenüber Tätigkeit A leidet. Einige Arbeitskräfte werden sich nunmehr für Tätigkeit A statt für Tätigkeit B entscheiden.  Es entsteht bei den bisherigen Bruttolöhnen ein Überangebot bei der Tätigkeit A und ein Verringerung des Angebots bei der Tätigkeit B. Damit herrscht eine Übernachfrage nach Arbeitskräften für die Tätigkeit B. Der Lohn für B muss relativ zum Lohn für A zunehmen. Das erhöht die Kosten für die Arbeit B und mag zu einer Verringerung der Nachfrage nach Arbeitskräften für die Tätigkeit B führen. Zugleich wird die Tätigkeit B gegenüber Tätigkeit A attraktiver. Einige Arbeitskräfte werden zusätzlich veranlasst, die Ausbildung für B zu durchlaufen. Es ergibt sich dann ein neues Gleichgewicht mit einem größerem Unterschied bei den Bruttolöhnen für die Tätigkeiten A und B.

Fazit: Gemäß der Angebots-Nachfrage-Theorie der Lohnbildung nimmt die Lohnungleichheit bei zusätzlicher Abgabenbelastung der Lohneinkommen zu. Dies steht indirektem Widerspruch zum OECD-Befund.

Die Wirkung einer Erhöhung der Abgabenbelastung von Löhnen bei der Effizienzlohntheorie

 

In der Angebots-Nachfrage-Theorie bestimmen die kompensierenden Lohndifferentiale die Lohnungleichheit. Aus der Perspektive der Effizienzlohntheorie bilden diese Lohndifferentiale lediglich die Untergrenze für Lohnunterschiede. Wenn die Löhne unter Effizienzlohngesichtspunkten gesetzt werden, werden die Lohndifferentiale typischerweise die kompensierenden Differentiale übersteigen.

Es gibt verschiedene Effizienzlohntheorien. Bezüglich des Zusammenhangs zwischen Abgabenbelastung der Löhne und Lohnungleichheit führen sie allerdings alle zum gleichen Ergebnis wie hier erklärt wird. Im folgenden erläutere ich diesen Zusammenhang anhand einer wichtigen Variante, der Selektionstheorie. Bei dieser Theorie steht die unterschiedliche Leistungsfähigkeit der Arbeitskräfte im Zentrum des Interesses. Während in der Angebots-Nachfrage-Theorie implizit angenommen wird, dass die Arbeitskräfte, die sich beispielsweise für die Tätigkeit B qualifiziert haben, alle gleich produktiv sind, wird in der Selektionstheorie betont, dass diese Arbeitskräfte zwar die entsprechende Tätigkeit in allen Unternehmungen ausführen können, dass sie aber unterschiedlich leistungsfähig sind. Angesichts der Produktivitätsunterschiede sind die Unternehmungen daran interessiert, die besonders leistungsfähigen Arbeitskräfte einzustellen. Deshalb prüfen sie die Bewerbungen und versuchen, bevorzugt die besonders produktiven Bewerber zu gewinnen, wobei sie verschiedene Informationen und Einstellungstests verwenden, die als Produktivitätssignale dienen können.

Eine Unternehmung die eine recht hohe Entlohnung bietet, wird mehr Bewerbungen erhalten als eine Unternehmung, die für die Tätigkeit schlechter zahlt. Die besser zahlende Unternehmung kann dann unter den Bewerbern eine schärfere Auswahl treffen als die schlechter zahlende und auf diese Weise  im Schnitt Arbeitskräfte mit höherer Produktivität gewinnen.

Wenn die Arbeitskräfte in ihrem Angebotsverhalten hinreichend stark auf Lohngebote reagieren, kann eine Unternehmung einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz erlangen, wenn sie einen höheren Lohn bietet als die Konkurrenz. Die Konkurrenz wird sich ebenso verhalten. Das Lohnniveau für die Tätigkeit B wird zunehmen. Das verteuert die Beschäftigung von Arbeitskräften in der Tätigkeit B bis zu dem Punkt,bei dem sich weitere Lohnüberbietungen nicht mehr lohnen. Das Lohnniveau für Tätigkeit B ergibt sich auf diese Weise aus der Konkurrenz zwischen den Unternehmungen. Im Gleichgewicht wird es sich für keine Unternehmung lohnen, ihr Lohngebot  weiter zu erhöhen, denn dann würden die Lohnkosten stärker zunehmen als die zusätzlichen Erlöse, und es würde sich auch nicht lohnen, das Lohngebot zu senken, denn dann würde der zusätzliche Erlös stärker fallen als die Lohnkosten.

Wenn jedoch die Bruttolöhne mit zusätzlichen Abgaben belastet werden, wird die Wirkung von höheren Lohngeboten reduziert, weil ein Teil der höheren Zahlungen in höhere Abgaben fließt und bei den Arbeitskräften nicht ankommt. Entsprechendwerden höhere Lohngebote nur geringere Wirkung entfalten. Der Selektionseffekt höherer Lohngebote wird abgeschwächt und der Punkt, bei dem sich weitere Lohnüberbietungen nicht mehr lohnen wird gesenkt. Es wird sich ein Gleichgewicht bei verringerten Bruttolöhnen bilden.

Fazit: Gemäß der Selektionstheorie der Lohnbildung nimmt die Lohnungleichheit bei zusätzlicher Abgabenbelastung der Lohneinkommen ab. Dies steht im Einklang mit dem OECD-Befund.

Das gleiche Ergebnis würde sich auch bei den anderen Effizienzlohnmechanismen einstellen, die allesamt auf dem Gedanken beruhen, dass mittels höherer Lohngebote über verschiedene Wirkungsmechanismen bessere Arbeitsleistungen bewirkt werden können. Durch zusätzliche Abgabenbelastung der Lohnzahlungen werden alle diese Wirkungsketten geschwächt.

Anmerkung: Die Ökonomen der OECD versuchen, ihren Befund im Rahmen der Angebots-Nachfrage-Theorie auf S. 104 wie folgt zu rationalisieren:
Änderungen der Abgaben auf Lohnzahlungen können sich auch auf die Entwicklung der Lohnstreuung auswirken, z. B. kann ein höherer Grenzsteuersatz weniger qualifizierte Arbeitnehmer davon abhalten, in den Arbeitsmarkt für Niedriglohnjobs einzutreten . Eine Reduzierung der Belastung könnte daher eine Erhöhung des Angebots von niedrigqualifizierte Arbeitskräften bedeuten und zu höheren Lohnunterschieden führen.
Dieses Argument -- dass eine höhere Besteuerung der Löhne insbesondere die Geringqualifizierten zum Ausstieg aus dem Arbeitsmarkt veranlasst -- ist aus verschiedenen Gründen ziemlich unplausibel, insbesondere dann, wenn man die vielen empirischen Regelmäßigkeiten wie Industrieeffekte, Firmengrößeneffekte, Agglomerationseffekte und vieles mehr in die Betrachtung einbezieht, die allesamt im Einklangmitder Effizienzlohnperspektive stehen, wie  ich in dem oben erwähnten Beitrag erläutert habe.

Sonntag, 13. August 2017

Agenda 2010

In einem sehr lesenswerten Interview begründet Peter Bofinger seine These die lautet:
Ich glaube nicht, dass die Agenda 2010 der deutschen Gesamtwirtschaft sehr geholfen hat.
Ich stimme ihm zu und meine sogar, dass die Agenda 2010 der deutschen Gesamtwirtschaft über alles gerechnet geschadet hat - wegen schlechter Allokations- und Verteilungseffektemit langfristigen nachteiligen Konsequenzen . Ich werde das gelegentlich mal erläutern. Aber hier einige Auszüge aus Bofingers Interview:
.....
Aber spricht nicht die Logik dafür, dass die Hartz-Reformen viele Menschen in Arbeit gebracht haben? Schließlich erhöhten sie den Druck auf die Arbeitslosen, auch schlechtere Stellen anzunehmen.
So einfach funktioniert das nicht. Bräuchte man nur mehr Druck auf die Arbeitslosen, um eine gute Beschäftigungsentwicklung zu bekommen, dann müssten die Arbeitsmärkte in Griechenland und Italien boomen. Dort erhält man spätestens nach einem Jahr Arbeitslosigkeit nämlich nichts mehr. Hartz 0.   ....
Ökonomen loben die Hartz-Reformen aber auch noch für ihren indirekten Effekt: Der Druck auf die Arbeitslosen hat die Arbeitnehmer zu Zugeständnissen beim Lohn motiviert. Aus Furcht vor Hartz IV haben sie Lohnzurückhaltung geübt, um ihre Arbeitsplätze zu sichern. Diese Lohnzurückhaltung wiederum hat die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähig gemacht und einen Exportboom ermöglicht, der wiederum den Aufschwung eingeleitet hat.
Tatsächlich war die Lohnzurückhaltung für die deutsche Wirtschaft bedeutsam. Nur: Sie war gar kein Effekt der Hartz-Reformen, sondern begann lange vorher, nämlich in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre. Damals verzichteten die deutschen Gewerkschaften bewusst auf reale Lohnerhöhungen, um über diesen Verzicht Arbeitsplätze zu erhalten. International war diese Gewerkschaftsstrategie wohl einzigartig. In der Folge weitete sich der Niedriglohnsektor bis 2004 deutlich aus – ganz ohne Hartz-Reformen.

Für die deutsche Wirtschaft hat sie sich gelohnt.
Nicht unbedingt. Zwar profitierte die Exportwirtschaft. Die Lohnzurückhaltung bescherte Deutschland allerdings eine jahrelange Stagnation der Binnenwirtschaft.
Viele Ökonomen und Politiker fordern von den anderen Euro-Staaten, dem deutschen Vorbild zu folgen: Sparsamkeit, Lohnzurückhaltung für mehr Wettbewerbsfähigkeit. Auch von Frankreichs neuem Präsidenten Emmanuel Macron wird ein „Schröder-Moment“ erwartet.
Deutschland ist kein Vorbild. Die deutsche Strategie der relativen Lohnsenkung hat nur funktioniert, weil die anderen Staaten sie nicht mitgemacht haben. Nur weil sie keine Sparsamkeit und Lohnzurückhaltung geübt haben, konnte Deutschland seine relative Wettbewerbsposition verbessern und von der ausländischen Nachfrage profitieren.

Und wenn das jetzt alle machen würden?
Wenn alle Euro-Staaten die Löhne senken um wettbewerbsfähiger zu werden, dann ist das ein Nullsummen-Spiel, bei dem keiner gewinnt....


Sonntag, 16. April 2017

Lohnspreizung und Effizienz

Der Armuts- und Reichtumbericht der Bundesregierung hat dankenswerterweise auf das Problem der Lohnspreizung hingewiesen: Die Reallöhne im unteren Lohnbereich sind seit 1995 deutlich zurückgegangen, die im oberen Lohnbereich dagegen deutlich gestiegen:


Diese Tatsache, die m.E. eine Hauptursache für die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung in vielen westlichen Ländern darstellt, wurde lange ignoriert. Der Sachverständigenrat, dem bereits 2012 eine Expertise zu diesem Thema vorlag, die nachdrücklich auf diese besorgniserregende Entwicklung hingewiesen hatte, hat das Problem einfach übergangen und ignoriert. Ich selbst habe mich in mehreren Veröffentlichungen, beginnend 2007, theoretisch mit dieser Entwicklung auseinandergesetzt und insbesondere die damals und auch heute noch vorherrschende Sicht kritisiert, dass diese Entwicklung hauptsächlich durch  einen zunehmenden Knappheit an hochqualifizierten Mitarbeitern erzeugt wäre. Dem steht der emprische Sachverhalt einer zunehmenden Überqualifikation in allen Arbeitsmarktsegmenten entgegen. Meine Sicht ist, dass durch den Abbau von Routinetäötigkeiten in allen Arbeitsmarktsegmenten die Produktivitätsdifferenzen zwischen Mitarbeitern auf allen Qualifikationsstufen immer bedeutsamer werden, die Unternehmungen zu einer Konkurrenz um besonders leistungsfähige Mitarbeiter anreizen, und dass dies dann die (volkswirtschaftlich sinnlosen und allokativ sogar schädlichen) überzogenen Lohndifferentiale bewirkt.

Die Autoren, die einen wesentlichen Beitrag zur Ungleichheitsdebatte geliefert und sorgfältig diskutiert haben, haben diese Problematik übersehen. Sie sind der Meinung, dass der Rückgang der Tatrifbindung ein wesentlicher Faktor sei und sehen die These des "skill-biased technological progress" mit Skepsis. Dem allen kann ich, jedenfalls als Vermutung, zustimmen. Zusätzliche Investitionen in Bildung und Qualifikation, so wünschenswert sie in anderer Hinsicht sein mögen, werden allerdings aus meiner Sicht die Lohnspreizung eher verstärken als dämpfen.

Ich habe versucht, meine theoretischen Überlegungen in etwas allgemeinverständlicher Weise darzustellen. Wen das interessiert, der kann hierhier und hier  nachschauen.

Dienstag, 21. Februar 2017

Präsident Trumps "Wirtschaftsexperten"

Peter Navarro und Wilbur Ross waren die federführenden wirtschaftspolitischen Berater in Donald Trumps Wahlkampf und haben zusammen das wirtschaftspolitische Programm von Präsidentschaftskandidat Trump geschrieben. Peter Navarro, Wirtschaftsprofessor an der Business School in Irvine, Kalifornien, ist der „Direktor für Handel und Industriepolitik“ und Leiter eines neuen von Präsident Trump geschaffenen „Nationalen Handelsrats“ der USA. Wilbur Ross ist Billionär und Privatinvestor (genannt "Bankrottkönig"). Dass letzterer, als Praktiker, nicht besonders viel Ahnung von theoretischen Grundlagen der Volkswirtschaftslehre hat, ist nicht weiter erstaunlich und sollte auch nicht übel genommen werden. Bemerkenswert aber ist, dass Professor Navarro in dieser Hinsicht offenbar ebenfalls völlig unterbelichtet ist, trotz (wenn man seiner Webseite Glauben schenken will) Harvard-Promotion.

Ich greife aus dem Programm das Thema des Protektionismusvorwurfes gegenüber der Welthandelsorganisation heraus, das besonders ausgiebig behandelt wird aber auf einem einfachen Fehler beruht. Das zieht die Qualifikation dieser "Experten" stark in Zweifel. (Das Programm enthält, wie Matthew Iglesias zu recht bemerkt, auch weitere bemerkenswert dumme (remarkably silly) Fehler.)

Die beiden Experten finden, dass das Einkommenssteuersystem der Vereinigten Staaten durch die Regeln der Welthandelsorganisation WTO (World Trade Organization) gegenüber der Behandlung der Mehrwertsteuersystemen in anderen Ländern benachteiligt wird. Deshalb soll "die ungleiche Behandlung der Mehrwertsteuer unter den Regeln der WTO beendet werden". Sie schreiben:
Hier der Kern des Problems der Ungleichbehandlung: Während die USA sich hauptsächlich auf die Einkommenssteuer stützt, nutzen alle wichtigen Handelspartner  Amerikas die Mehrwertsteuer. Die gegenwärtigen Regeln öffnen diesen Handelspartnern eine Hintertür, um mittels verdeckter Zölle die amerikanischen Exporte zu blockieren und mittels verdeckter Subventionen in die US-Märkte einzudringen. Diese Ausbeutung funktioniert so: ...

Unter den Regeln der Welthandelsorganisation bekommt jeder Hersteller, der Güter in die USA exportiert, die Mehrwertsteuer, die er gezahlt hat, zurückerstattet. Dies macht die Mehrwertsteuer zu einer impliziten Exportsubvention.
Zugleich wird die Mehrwertsteuer auf alle Güter erhoben, die ...  aus den USA in ein Mehrwertsteuerland exportiert werden. Dies macht die Mehrwertsteuer zu einer impliziten Steuer, die die US-Exporteure zusätzlich zur Körperschaftssteuer zahlen müssen.

Also: unter dem WTO-System steht Amerika unter einem dreifachen Fluch: Ausländische Exporte in die USA sind von der Mehrwertsteuer befreit, US-Exporte in Auslandsmärkte werden mit der Mehrwertsteuer belegt, und US-Exporteure bekommen keine Erstattung der gezahlten Einkommenssteuer.

Der tatsächliche Effekt der ungleichen Behandlung der amerikanischen Einkommenssteuer gibt underen hauptsächlichen Handelspartnern einen unfairen Steuervorteil von 15% bis 25% bei internationalen Geschäften. ...

Die Mehrwertsteuerregeln der Welthandelsorganisation liefern ein Musterbeispiel für schlecht verhandelte Handelsabkommen der Vereinigten Staaten. Die Ungleichbehandlung der US-Exporte zeigt, wie die Handelsbeauftragten der USA häufig die Konsequenzen schlecht ausgehandelter Verträge für die Amerikaner, für die sie ja verhandeln, nicht verstehen.
Das ist zwar alles kompletter Unsinn, macht aber verständlich, warum Donald Trump Handelsabkommen so skeptisch gegenübersteht.

Navarro und Ross halten es mithin für richtig, wenn die Exporte aus Deutschland in die USA mit der deutschen Mehrwertsteuer belastet würden und Importe aus den USA in Deutschland von der Mehrwertsteuer befreit würden. Zudem sollten die amerikanischen Exporteure für Ihre Exporte Einkommenssteuerrückerstattungen erhalten.

Bei der Mehrwertsteuer handelt es sich aber um eine Verbrauchssteuer, die beim Endverbraucher erhoben wird. Exporte aus Deutschland nach Frankreich unterliegen nicht der Mehrwertsteuer in Deutschland; die Exporteure bekommen bereits entrichtete Mehrwertsteueranteile zurück. Im Gegenzug wird in Frankreich die französische Mehrwertsteuer fällig. Gleiches gilt für die USA, nur wird dort die dortige lokale Umsatzsteuer (sales tax) erhoben, die bei Exporten ebenfalls nicht fällig wird.

Die Begründung für diese (vernünftige) Behandlung der Mehrwertsteuer ist, dass auf die angegebene Weise die Preisrelationen zwischen verschiedenen Gütern nicht verzerrt werden sondern den Herstellungskostenverhältnissen entsprechen und dass kein Anreiz besteht, durch Manipulation der inländischen Steuersätze Importhemmnisse aufzubauen und Exporthemmnisse zu reduzieren. Bei unterschiedlicher Besteuerung je nach Herkunftsland, etwa wenn die deutschen Produkte in Frankreich mit der deutschen Mehrwertsteuer und die französischen Produkte in Deutschland mit der französischen Mehrwertsteuer verkauft würden, wäre das nicht der Fall. Das gilt auch für Länder wie die USA mit einem Mehrwertsteuersatz von Null Prozent. Es ist nicht sinnvoll, unterschiedliche Mehrwertsteuersätze zu mischen, wie Navarro und Ross vorschlagen  Ein solches Vorgehen würde zu massiven Verzerrungen im Preisgefüge führen, entsprechende Ineffizienzen nach sich ziehen und Fehlanreize für die Besteuerung schaffen. (Das findet man auch hier erklärt.)



Übrigens: das ist kein Ausrutscher von Professor Navarro in einem Papier, das zu Wahlkampfzwecken verfasst wurde. Navarro bezeichnet z.B. in seinem Beitrag mit akademischem Anspruch "Deconstructing the China Price" den "Mehrwertsteuernachlass auf die meisten [chinesischen] Exporte" als "Exportsubvention".

Die Ernennung von zwielichtigen Wirtschaftsberatern durch amerikanische Präsidenten ist übrigens kein Einzelfall. Ronald Reagan hatte seinerzeit Arthur Laffer  um die Steuersenkungen, die (entgegen Laffers Prognose) zu massiven Staatsdefiziten geführt hatten, zu rechtfertigen. Das hat dann zu hoher Inflation und extrem hohen Zinsen geführt und die amerikanische verarbeitende Industrie ruiniert, die jetzt von Trump wieder durch Protektionismus auf die Beine gebracht werden soll. 







Mittwoch, 25. Januar 2017

Leistungsbilanzbremse statt Schuldenbremse

In einem sehr lesenswerten Artikel empfiehlt der Doyen der deutschen  Volkswirte, Carl-Christian von Weizsäcker, eine Abkehr von der Schuldenbremse und die Einführung einer Leistungsbilanzbremse, die für Deutschland einen ausgeglichenen Außenhandel erzwingen würde. Er schreibt zusammenfassend:
Nach dem Brexit empfiehlt sich für Deutschland als wichtigste Volkswirtschaft im Euro-Raum der Übergang von der Schuldenbremse zu einer Leistungsbilanzbremse .... Eine annähernd ausgeglichene deutsche Leistungsbilanz ließe sich durch Mehrwertsteuer-Senkungen und somit staatliche Nettoneuverschuldung erreichen. Der Zinssatz für Staatsanleihen könnte angesichts der Sparschwemme bei null bleiben. Dieser Politikschwenk würde den Euro stabilisieren, da die schwachen Euro-Länder bessere Exportchancen erhielten. Zugleich wäre die Gefahr gebannt, dass eine Erholung der schwachen Euro-Länder dadurch wieder gebrochen wird, dass es zu einer neuerlichen Aufwertung kommt, die das Wachstum beeinträchtigt.
Von Weizsäcker argumentiert, dass eine direkte Nachtfrageausweitung per Staatsverschuldung einer Anpassung der Leistungsbilanz durch massive Lohnerhöhungen in Deutschland vorzuziehen sei. Letzteres hatte ich in einem früheren Blog befürwortet, allerdings unter der Prämisse, dass Nachtfrageausfälle durch Steuersenkungen ausgeglichen werden sollten. Mich überzeugt das Argument, vor allem wegen seiner leichteren politischen Durchführbarkeit.

Übrigens ist Deutschland gesetzlich (im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz und auch in europäischen Übereinkünften) zu einem ausgeglichenen Außenhandel verpflichtet, ignoriert diese gesetzliche Vorgaben aber sträflich und macht sogar Gesetze wie die Schuldenbremse, die mit diesen Verpflichtungen inkompatibel sind. So wird der Zusammenhalt der europäischen Union und die Prosperität in Deutschland und Europa gefährdet.


Nachtrag (26.1.2017): von Weizsäckers Beitrag gibt es hier auch frei auf dem Netz.

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Kontrakttheorie

Oliver Hart hat sich in einem telefonischen Interview anläßlich der Benachrichtigung über seinen Nobelpreis zur Bedeutung der Kontrakttheorie für die Ökonomie wie folgt geäußert:

Nun, ich denke dass die Kontrakttheorie und die Betrachtung von Verträgen einen unglaublich fruchtbaren Zugang zu einigen Bereichen der Ökonomie bieten. Verträge sind einfach grundlegend, die Vorstellung dass Handel immer ein quid pro quo beinhaltet, dass  jede ökonomische Transaktion zwischen zwei Seiten stattfindet -- zwischen einem Käufer und einem Verkäufer oder einen Arbeitgeber und einem Arbeitnehmer oder einem Kreditgeber und einem Kreditnehmer --  dass dies so strukturiert ist kann sehr fruchtbar aus dem Gesichtspunkt heraus verstanden werden dass damit die Effizienz verbessert werden soll und dass beide Seiten einen Anreiz haben die Transaktion so zu gestalten, dass sie den größten Wert erzeugt. Sehen Sie, in einfachen Zusammenhängen denken die Leute oft dass eine Seite die Vertragsbedingungen diktiert. Es mag so aussehen, jedoch auch dann wird die Vertragsseite, die die Vertragsbedingungen vorgibt diese Bedingungen so wählen, dass sie für die andere Seite akzeptabel sind und den größten Wert erzeugen, denn wenn noch Geld auf dem Tisch liegen bleibt kann man einen besseren Vertrag schreiben. Dies ist eine sehr gute Seite ökonomischer Transaktionen und man versteht dies aufgrund der Vertragsgestaltung.
Man sollte die einzelnen Formulierungen nicht auf die Goldwaage legen, schließlich war das ein überraschendes Interview früh morgens. Es gibt aber eine sehr schöne Charakterisierung der Sicht der Vertragstheorie, wie sie wohl von den meisten Mikroökonomen geteilt wird.

Ich selbst sehe das anders.

Sonntag, 11. Dezember 2016

Kalifornien und Trump-Land

Robert Reich schreibt:
Kalifornien ist das Zentrum des liberalen Amerika ... Im Gegensatz zum Rest von Amerika haben die Kalifornier Hillary Clinton im Verhältnis 2 zu 1 den Vorzug gegeben. Sie haben auch dafür gestimmt, die Zusatzsteuer für die Reichen auszuweiten, lokale Wohnungsbaumaßnahmen und Verkehrsvorhaben sowie vielerlei lokale Steuererhöhungen und Verschuldungsmaßnahmen zu unterstützen.
Mit anderen Worten: Kalifornien ist das Gegenteil von Trump-Land.
Die Unterschiede gehen aber noch weiter. Seit Jahren haben die Konservativen behauptet dass niedrige Steuern, wenig Regulierung und niedrige Löhne Voraussetzungen für eine gesunde Wirtschaft seien. Haben die Konservativen recht? An einem Ende der Skala stehen Kansas und Texas, Staaten mit den niedrigsten Steuern, den wenigesten Regulierungen und den niedrigsten Löhnen. Am anderen Ende steht Kalifornien, mit den höchsten Steuern, besonders der Reichen, den striktesten Regulierungen, insbesondere bezüglich der Umwelt, und dem ehrgeizigsten Gesundheitssystem, ... und hohen Löhnen. Nach konservativer Lehre müssten Kansas und Florida boomen und Kalifornien müßte verarmt sein.
Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.
 Seit etlichen Jahren war das Wirtschaftswachstum in Kansas das schlechteste unter allen Staaten. Im letzten Jahr ist die Wirtschaft dort sogar geschrumpft.
Texas geht es nicht viel besser. Sein Beschäftigungswachstum war unterdurchschnittlich, der Einzelhandelsumsatz ist im Keller und der Wert der Exporte aus Texas ist zurückgegangen.
Was aber ist mit dem angeblich zu hoch besteuerten und zu hart regulierten Hopchlohnland Kalifornien? Kalifornien hat die höchste Wachstumsrate von allen US-Staaten-- mehr als doppelt so hoch wie der US-Durchschnitt. Wenn Kalifornien ein eigener Nationalstaat wäre, hätte dieser die sechstgrößte Wirtschaft der Welt. Die Bevölkerung ist auf 39 Millionen gestiegen (5 Prozent höher als 2010). Kalifornien beherbergt die wachstumsstärksten und innovativsten Industrien -- Unterhaltung und High-Tech. Es gibt hier mehr Startups als irgendwo sonst auf der Welt. In anderen Worten: Es ist genau andersherum als die Konservativen behaupten.
Warum geht es Kansas und Texas so schlecht und Kalifornien so gut? Nun, einmal ermöglichen Steuereinnahmen dass die Staaten in ihre Bürger investieren. Das kalifornische Universitätssystem ist das beste öffentliche Universitätssystem in den USA. Hinzu kommt ein Netzwerk von weiterführenden Schulen, Fachschulen und Forschungseinrichtungen -- eine Quelle für neue Forschungsergebnisse und ein kraftvoller Motor für soziale Mobilität.
Kansas und Texas haben bei weitem nicht in gleichem Maße investiert. Kalifornien stellt auch vielerlei Dienste für die Bevölkerung bereit die besonders auch einer hohen Zahl von Immigranten zugute kommen. Im Gegensatz zu dem was Donald Trump behauptet ist eine solche Diversität ein großes Plus. Ferner schützen die kalifornischen Regulierungen die Gesundheit der Bevölkerung und die Naturschönheiten, die ebenfalls die Menschen nach Kalifornien locken -- einschließlich von Talenten, die sich überall niederlassen könnten.
Die Löhne sind in Kalifornien hoch weil die Wirtschaft so stark wächst dass die Arbeitgeber ihren Arbeitskräften mehr zahlen müssen. Das ist nicht schlecht, denn letztlich ist das Ziel nicht ein hohes Wachstum, sondern ein hoher Lebensstandard.
Um fair zu sein: Die Probleme von Texas hängen mit der Ölschwemme zusammen. Aber das ist keine wirkliche Entschuldigung, denn das kommt daher dass Texas versäumt hat seine Wirtschaft zu diversifizieren. Ach hier hat Texas nicht genug investiert.
...
Insgesamt gesehen ist der Kontrast deutlich. Ökonomischer Erfolg beruht auf Steuereinnahmen die in öffentliche Investitionen fließen und auf Regulierungen, die die Umwelt und die Gesundheit schützen. Und wirklicher Erfolg zeigt sich in hohen Löhnen.
Ich weiß nicht wie Kalifornien und Trump-Land in den kommenden Jahren koexistieren werden. Gelegentlich grummeln einige aus dem goldenen Staat bereits von Sezession  und befürchten möglichen Interventionen seitens der Trump-Regierung. Aber bis jetzt straft Kalifornien die konservative Behauptung über niedrige Steuern, wenig Regulierung und niedrigen Löhnen als Voraussetzung für ökonomischen Erfolg Lügen. Trump-Land sollte das zur Kenntnis nehmen.