Sonntag, 27. November 2016

Aggregiertes Angebot und aggregierte Nachfrage


Die in der Makroökonomie vorherrschende Sicht ist, dass sich das volkswirtschaftliche Produktionspotential unabhängig von der aggregierten Nachfrage entwickle. Die (von mir wissenschaftlich sehr geschätzte) Präsidentin der US-amerikanischen Notenbank, Janet Yellen, hat diese übliche Sicht in einem sehr  interessanten Beitrag kritisiert. Sie charakterisiert kurz die übliche Sicht wie folgt
Kann es sein, dass Änderungen der aggregierten Nachfrage zu deutlichen und nachhaltigen Folgewirkungen auf das aggregierte Angebot führen können? Vor der großen Krise hätten wahrscheinlich die meisten Ökonomen diese Frage mit einem deutlichen "Nein" beantwortet. Sie hätten weitgehend Robert Solow darin beigepflichtet dass die ökonomische Leistung einer Volkswirtschaft längerfristig hauptsächlich durch das Angebot getrieben wird -- die Gesamtmenge an Gütern und Diensten, die eine Wirtschaft bei einer gegebenen Ausstattung an Arbeit, Kapital und Technologie in der Lage ist bereitzustellen. Die aggregierte Nachfrage wurde demgegenüber für kurzfristigere Schwankungen um den angebotsbestimmten exogenen Trend verantwortlich gemacht.
und bemerkt dann:
Diese Sicht muss angesichts dessen, dass die ökonomische Aktivität in den meisten fortgeschrittenen Ökonomien nicht auf ihren vormaligen Trend zurückgekehrt ist, neu überdacht werden. Die Erfahrung nach der Krise legt nahe, dass Änderungen der aggregierten Nachfrage einen deutlichen und dauerhaften Einfluß auf das aggregierte Angebot haben -- also auf das Produktionspotential.
Ich kann dem nur nachdrücklich zustimmen. Ein durch Nachfragemangel ausgelöster Beschäftigungseinbruch, wie er im Zuge der Finanzkrise aufgetreten ist, hat u.a. folgende Wirkungen:

  • Bei geringerer Nachfrage und damit geringerer Beschäftigung wird weniger ausgebildet und fortgebildet. Das reduziert die Leistungsfähigkeit der vorhandenen Arbeitskräfte. (Die innerbetriebliche Qualifikation, sogenanntes on-the-job-Training, ist von außerordentlich großer Bedeutung für den Qualifikationserwerb der Arbeitskräfte, typischerweise wichtiger als formale Qualifikation.) Plakativ gesprochen: Beschäftigungseinbrüche verringern die Humankapitalbildung. In der Zukunft stehen dann weniger qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung.
  • Bei geringerer Nachfrage und damit geringerer Produktion wird weniger investiert. In der Zukunft steht dann nur ein verringertes Produktionspotential zur Verfügung.
  • Bei geringerer Nachfrage wird weniger in Forschung und Entwicklung investiert. Damit steht in der Zukunft nur eine weniger fortgeschrittene Technologie zur Verfügung.
Die Äußerung von Janet Yellen deuten auf ein Umdenken hin. Das impliziert zugleich auch eine Neubewertung restriktiver Politik, die dann eben als langfristig schädlich erscheint, und nicht als unerheblich für die langfristige Entwicklung. Auch die Ernennung von Paul Romer zum Chefökonmen der Weltbank deutet in diese Richtung. Er gilt ja als ein Urheber der "endogenen Wachstumstheorie" die den Zusammenhang zwischen Investition und Technologieentwicklung betont, also den letzten der obigen Punkte. Ich selbst halte diesen Zusammenhang ebenfalls für wichtig, finde allerdings ältere (und meist in Vergessenheit geratenen) Ansätze besser als die an Romer anknüpfenden neueren AK-Modelle. Das habe ich kürzlich hier ausführlich dargelegt.  (Eine freie Version ist hier).

Montag, 21. November 2016

Warum eine Infrastrukturgesellschaft des Bundes?

Die öffentliche Diskussion über Schäubles Vorschlag, eine Infrastrukturgesellschaft mit privater Minderheitsbeteiligung einzurichten geht m.E. an dem Hauptzweck des ganzen Projekts vorbei. So wie ich das sehe besteht dieser Hauptzweck darin, den Straßenbau mit Krediten (und nicht aus laufenden Steuereinnahmen) zu finanzieren. Das ist ein völlig sinnvolles Anliegen. Ebenso wie der Privatmann sein Haus mit Krediten finanziert und diese während der Nutzung über viele Jahre hinweg tilgt, sollten auch Straßen und Infrastrukturprojekte mit Krediten finanziert werden. Wenn dies allerdings über den laufenden Staatshaushalt geschieht, ist die "schwarze Null" nicht realisierbar. Wenn man aber die Schulden, die im Zusammenhang mit Infrastrukturprojekten notwendig sind, an eine private Gesellschaft auslagert, erscheint diese Verschuldung nicht im Staatshaushalt. Das ist ein teurer Spaß, aber die schwarze Null muß man sich schon was kosten lassen.

Zwar handelt es sich, wie die Grünen bemerken, um ein "Milliardengeschenk für Banken und Versicherungen", aber (hoffentlich!) ist das nicht der Hauptzweck!

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Stiglitz zum Zerbröckeln der Eurozone

Joseph Stiglitz meint:
"Es wird in zehn Jahren noch eine Eurozone geben, aber die Frage ist, wie sie aussehen wird. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie immer noch 19 Mitglieder haben wird"
Ich denke, dass er recht hat -- wenn keine Lösung für das Problem zur Beseitigung innereuropäischer ökonomischer Disparitäten gefunden wird. In einem früheren Blog habe ich meine Sicht dieses Problems erläutert und auch eine Lösungsmöglichkeit vorgeschlagen die vielleicht besser ist als die von Stiglitz erwähnte Spaltung des Euro in einen Nord-Euro und einen Süd-Euro. Vielleicht gibt es noch bessere Möglichkeiten. Auf alle Fälle sollte man jedoch die Dinge nicht einfach laufen lassen. Das Problem der innereuropäischen Disparitäten wird übrigens durch die deutsche Austeritätsobsession massiv verschärft.

Samstag, 14. Mai 2016

Das Problem der Überqualifikation

Inga Michler schreibt in Die Welt:

Top-Akademiker putzen das Möbelhaus, ein Kapitän kontrolliert Pässe, ein Ingenieur fährt Taxi. Jeder siebte Deutsche ist überqualifiziert. Die Gründe für die Job-Missverständnisse sind teils bitter. ... Aktuellen Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge arbeiten mehr als 15 Prozent aller Beschäftigten unterhalb ihres Qualifikationsniveaus.
Das ist kein speziell deutsches Problem sondern ist in vielen Industrieländern aufgetreten. Glenda Quintini von der OECD hat dies wohlbekannte Phänomen erneut untersucht und  kommt zu dem Schluß:
Unsere Meta-Analyse zeigt, dass über 35% der schwedischen Arbeitskräfte überqualifiziert sind, verglichen mit nur 10% in Finnland. Die meisten anderen OECD-Länder liegen zwischen diesen Extremen.
Tatsächlich hat die Überqualifikation im Zuge der Bildungsexpansion zugenommen. Die Zahl der gut qualifizierten ist schneller gewachsen als der Bedarf. Das hat dann zu zunehmender Überqualifikation  geführt.

Man würde gemäß einer einfachen Angebots-Nachfrage-Theorie erwarten, dass ein zunehmendes Überangebot bei höheren Qualifikationen dazu führt, dass die Lohndifferenz zwischen höher qualifizierten und geringer qualifizieren Arbeitskräften - die "Lohnspreizung" - abnimmt, aber das Gegenteil war der Fall: Die Lohnspreizung hat massiv zugenommen. Das deutet darauf hin, dass die Unternehmungen sogenannte "Effizienzlöhne" zahlen. Solche Löhne kommen bei Heterogenität der Arbeitskräfte zustande: Wenn die Bewerber unterschiedlich leistungsfähig sind und man bessere Bewerber bekommen möchte, wird man um diese besseren Arbeitskräfte mit den anderen Unternehmungen mittels höherer Lohngebote konkurrieren, auch bei Überangebot. Eine Unternehmung, die das Überangebot zu Lohnsenkungen nutzen möchte, wird zwar hinreichend viele hinreichend qualifizierte Arbeitskräfte gewinnen können, aber nicht die besonders leistungsfähigen. Unter solchen Bedingungen wird man dann auch bei Überangebot keine Lohnsenkungen erwarten.

Wenn man nun bedenkt, dass, anders als bei Fließbandtätigkeit, die Unterschiede in der Leistungsfähigkeit bei sogenannten "nicht-algorithmischen" Aufgaben, wie etwa bei Ingenieuren, Architekten oder Verkäufern eine große Rolle spielen und der Anteil derartigen Tätigkeiten in allen Berufsfeldern im Zuge des Technischen Fortschritts zugenommen hat, weil die repetitiven "algorithmischen" Tätigkeiten, wie etwa die manuelle Buchführung, abgenommen hat, wird die zunehmende Lohnspreizung verständlich. Die Ausbildungs- und Qualifikationsprämien nehmen zu. Das macht die Ausbildung attraktiver. Dies führt zu zunehmender Überqualifikation, welche dann aber letztlich die Attraktivität des Qualifikationserwerbs mindert, wegen des Risikos, letztlich keine ausbildungsadäquate Tätigkeit zu erhalten. Ich habe dies hier dargelegt.

Natürlich ist Überqualifikation ökonomisch und sozial schädlich. Um sie einzudämmen müssen Maßnahmen zur Reduktion der Lohnspreizung, also der Lohnungleichheit, getroffen werden. Damit könnte der Erwerb von Qualifikation über das erforderliche Ausmaß hinaus weniger attraktiv gemacht werden. Eine derartige Maßnahme wäre, die Progressivität der Besteuerung zu erhöhen. Kollektive Lohnsetzung könnte ebenfalls in Richtung auf mehr Gleichheit wirken und das Problem der Überqualifikation abmildern.

Ergänzung (30.5.2016): Die vorhandene Überqualifikation verbessert die Möglichkeiten zur Integration von gering qualifizierten Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt.

Samstag, 2. Januar 2016

Zum Mindestlohn

Die Einführung des Mindestlohns hat gerade in den Niedriglohnbereichen zu einem Anstieg der regulären Beschäftigung und einem Abbau der Minijobs geführt, die offenbar oft in sozialversicherungspflichtige reguläre Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt worden sind, wie die Hans-Böckler-Stiftung erläutert.

Diese Beobachtung ist bemerkenswert. Dass die Arbeitsnachfrage in den Niedriglohnbereichen nicht wesentlich durch den Mindestlohn beeinflusst worden ist dabei weniger interessant und auch nicht überraschend; viele Experten hatten das erwartet (allerdings nicht der Sachverständigenrat). Es handelt sich ja bei der Arbeitsnachfrage um eine "abgeleitete" Nachfrage: Sie ergibt sich aus der Nachfrage nach Gütern und Diensten, zu deren Erstellung die Arbeitskräfte nachgefragt werden. Steigen die Lohnkosten, so steigen die Preise der von diesen Arbeitskräften erstellten Güter und Dienste. Dies führt dann zu einer Verlagerung der Nachfrage nach dem Motto: Wenn der Hamburger wegen des Mindestlohnes teurer  geworden ist, esse ich etwas anderes was mir besser schmeckt. Aber dieser Effekt ist nicht besonders groß. (Siehe dazu auch meine frühere Anmerkung.)

Die eigentliche Frage ist: Warum haben die Unternehmungen nicht einfach die Bezahlung der Minijobs verbessert und ansonsten alles so belassen wie es vor der Einführung des Mindestlohnes war?

Zunächst einmal kann man feststellen, dass die Unternehmungen eben anders vorgegangen sind, aus welchen Gründen auch immer. Sie haben in vielen Fällen vorgezogen, statt Minijobs mit Mindestlohn sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen anzubieten. Da sie dies vorgezogen haben, können wir annehmen, dass die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung für die Unternehmungen Vorteile gegenüber den Minijobs bietet. Die Arbeitskräfte finden vermutlich sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ebenfalls besser als Minijobs. Wenn das so ist - man müsste das noch überprüfen - bedeutet der Übergang von Minijobs mit Mindestlohn zu sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung eine Verbesserung für beide Parteien, also eine Effizienzsteigerung. (Auf schlau: "Pareto-Verbesserung".) Die durch sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ersetzten Minijobs hatten also gewisse Nachteile und waren nur aufgrund des niedrigen Lohnes für Minijobs für die Unternehmungen vorteilhaft. Da die umgewandelten Jobs von denselben Arbeitskräften besetzt wurden war die Entlohnung der Minijobs zuvor unter Effizienzgesichtspunkten zu niedrig, denn gleiche Arbeit muss aus volkswirtschaftlicher Sicht gleich bezahlt werden. Kurz: die unterbezahlten Minijobs waren volkswirtschaftlich ineffizient.

Worin könnten nun aber die Vorteile der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung für die Unternehmungen liegen? Hier gibt es viele Möglichkeiten.  Ein wesentlicher Gesichtspunkt könnte sein, dass Arbeitskräfte mit Minijob selbst bei Mindestlohn versuchen, eine  sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu finden. Sie sind dann ständig auf dem Sprung und wechseln sobald sie können. Das führt zu höherer Arbeitskräftefluktuation (mehr Arbeitskräftewechsel). Damit steigen die   Fluktuationskosten, z.B. die  Kosten für die Auswahl unter den Bewerbern, Einstellung, Einweisung, Einarbeitung. Diese Kosten sind auch bei einfachen Tätigkeiten beträchtlich. Bei sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung dürfte die Fluktuation, und damit auch die Fluktuationskosten, geringer sein als bei Minijobs. Eine solche Erklärung wird durch die Erfahrung von Walmart mit eine Lohnerhöhung im April 2015 nahegelegt, die zu einer deutlichen Reduktion der Fluktuation und der Fluktuationskosten geführt und sich damit für Walmart ausgezahlt hat.

Es gibt noch eine Reihe weiterer und ähnliche Kanäle, die zu ähnlichem Ergebnis führen aber allesamt den in der öffentlichen Diskussion gepflegten Vorstellungen über Lohnbildung (exemplifiziert durch den Sachverständigenrat) widersprechen. Es würde jedoch zu weit führen, das hier im Einzelnen zu erläutern.

Sonntag, 18. Oktober 2015

Die Reservearmee der Überqualifizierten

Im Zuge der Flüchtlingskrise werden Forderungen laut, den Mindestlohn für die Flüchtlinge abzuschaffen. Die Flüchtlinge seien überwiegend nur gering qualifiziert. Deshalb würden sie nur Einstellung finden, wenn sie billiger wären als die heimischen Arbeitskräfte.

Das Argument übersieht, dass wir eine massive und stetig zunehmende Überqualifikation in nahezu allen Segmenten des Arbeitsmarktes vorfinden: Leute mit abgeschlossener Berufsausbildung arbeiten in Tätigkeiten, für die ein solcher Abschluss nicht erforderlich ist, Leute mit akademischem Abschluss arbeiten in Tätigkeiten, für die kein akademischer Abschluss erforderlich ist, usw. - bis hin in den Niedriglohnbereich, in dem viele arbeiten, die über die gleiche Qualifikation verfügen wie Arbeitskräfte im regulären Arbeitsmarkt.

Das Überqualifikationsphänomen zeigt sich besonders deutlich im Kunjunkturverlauf: Bei guter Konjunktur ist die Durchschnittsqualifikation der Neueinstellungen deutlich geringer als bei schlechter Arbeitsmarktlage, obwohl die Arbeitskräfte die gleichen Tätigkeiten ausführen. Dies ist in einer groß angelegten Untersuchung festgestellt wurde. Das Phänomen der steigenden Überqualifikation hat natürlich Ursachen, die man nicht einfach wegwünschen kann, wie ich in einem Beitrag dargelegt habe, in dem sich auch einige Graphiken zur steigenden Überqualifikation finden.

Bei den vorhandenen Beschäftigten finden sich also massive Qualifikationsreserven, die man durch Nachfrageexpansion nutzen kann. Dann werden im Bereich der Tätigkeiten mit hohen Qualifikationsanforderungen mehr Kräfte gebraucht, die aus dem Pool der Überqualifizierten im niedrigeren Arbeitsmarktsegment rekrutiert werden können. In diesem zweiten Segment werden dann zusätzlich Beschäftigte benötigt, die aus den 3. Segment eingestellt werden können, und so weiter. Letztlich werden dann im Bereich der Tätigkeiten, die nur geringe Qualifikation benötigen, Stellen für gering qualifizierte Bewerber frei.

Das Problem dabei ist aber, dass eine solche Nachfrageexpansion zu Lohnsteigerungen in allen Arbeitsmarktsegmenten führt, denn die Unternehmungen werden auf eine Verknappung des Arbeitsangebotes, wie es dann ja in allen Segmenten auftritt gleichzeitig mit einer Senkung der Einstellungsanforderungen und einer Erhöhung der Lohngebote reagieren. Die Senkung der Einstellungsanforderungen ist O.K., denn sie ermöglicht die Einstellung der Überqualifizierten aus dem darunter liegenden Segment, die vorher diesen Anforderungen nicht genügt haben, Die Lohnsteigerungen führen aber zu Kostensteigerungen und damit zu Preissteigerungen. Dies ist zwar in der gegenwärtigen Konjunktursituation erwünscht, kann aber in anderen Konjunkturlagen durch Lohnindexierung aufgefangen werden, wie ich hier dargelegt habe.


Kurz: Die Gegner des Mindestlohnes wärmen nun ihre Doktrin mit Hinweis auf den Zustrom der Flüchtlinge auf. Der grundlegende Fehler, von dem sie nicht ablassen, liegt darin, die Einstellungsanforderungen für die verschiedenen Teilarbeitsmärkte als technologisch-organisatorisch fixierte Größen zu betrachten und die Teilarbeitsmärkte als separate Märkte, analog zu separaten Märkten für verschiedene Güter, anzusehen. Das ist falsch. Der Zusammenhang zwischen den verschiedenen Teilarbeitsmärkten ergibt sich daraus, dass es sich bei den Einstellungsanforderungen ebenso wie bei der Lohnbildung um Marktphänomene handelt, die auf Änderungen von Knappheiten reagieren und die eben auch  Ineffizienzen, wie etwa die Reservearmee der Überqualifizierten, hervorbringen.

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Warum Sozialberufe schlechter bezahlt werden

Beim drohenden Kita-Streik oder seiner Abwendung wird von den Beschäftigten in den Bildungs-, Sozial- und Erziehungsberufen eine Aufwertung und Höherbezahlung angestrebt. In der Tat ist die Bezahlung im Vergleich zu anderen Tätigkeiten recht gering (Erzieher 2228 €, Wartungs- und Servicetechniker im Maschinenbau 3282 €). Woran liegt das?

Eine Antwort wäre: Frauendiskriminierung, denn der Frauenanteil in den Care-Berufen, wie man diese kurz bezeichnen könnte, ist sehr hoch. Aber eine solche Antwort verschiebt nur die Problematik auf die Frage, warum Frauen schlechter bezahlt werden als Männer.

Ich denke aber, dass der hohe Frauenanteil nur eine der Ursachen für die Geringbezahlung von Care-Tätigkeiten ist. Selbst wenn der Männeranteil in diesen Berufen genauso hoch wäre wie anderswo, würde ich eine geringere Bezahlung der Care-Berufen erwarten, einfach deshalb, weil der  Wirkungsmechanismus, der zur Frauendiskriminierung führt, nicht auf der Unterscheidung Frauen/Männer beruht, sondern auf Verhaltensweisen, die zwar mit dem Geschlecht, aber auch mit anderen Dingen, wie etwa den Präferenzen, wie sie sich bei der Berufswahl ausdrücken, korrelieren. Ich habe das in meinem Artikel ausführlich dargelegt. Dieser Artikel ist jedoch für Fachwissenschaftler geschrieben und für das allgemeine Publikum wahrscheinlich eher unverständlich. Deshalb hier ein Versuch, das Kernargument für Laien verständlich darzulegen.

Der Grundgedanke ist, dass die Lohnreagibilität des Arbeitsangebots von zentraler Bedeutung für die Lohnbildung ist. Der Begriff "Lohnreagibilität" bezieht sich dabei auf das Ausmass, in dem Arbeitskräfte auf die Unterschiede von Lohnangeboten zu reagieren. Manche Arbeitskräfte legen mehr Gewicht auf das erzielbare Einkommen und das damit verbundene soziale Prestige, andere legen mehr Gewicht auf andere Jobattribute, wie etwa Nähe zum Wohnsitz, günstige Arbeitszeiten, Freude an der Tätigkeit selbst, oder die gesellschaftliche Bedeutung ihrer Tätigkeit. Das führt zu Unterschieden bei der Lohnreagibilität zwischen verschiedenen Gruppen von Beschäftigten.

Betrachten wir zunächst wie die Lohndiskriminierung von Frauen gegenüber Männern mit der unterschiedlichen  Lohnreagibilität von Frauen und Männern zusammenhängt. Bei der herkömmlichen sozialen Rollenverteilung sind die Frauen in stärkerem Ausmaß für die Kinder und den Haushalt verantwortlich. Deshalb werden Frauen auf nicht-monetäre Jobattribute, wie etwa Nähe zum Wohnsitz, familienfreundliche Arbeitszeiten oder auch das Vorhandensein von betrieblicher Kinderbetreuung, mehr Wert legen als Männer. Sie werden deshalb weniger lohnreagibel sein als die Männer.

Für die Lohnsetzung der Unternehmung spielt aber die Lohnreagibilität eine zentrale Rolle. Bei hoher Lohnreagibilität wird ein höheres Lohngebot zu einem großen Zuwachs von Bewerbern führen. Das ermöglicht der Unternehmung dann, die besten der Bewerber auszuwählen und so eine bessere Belegschaft zu erhalten als die Konkurrenz, die weniger zahlt. Das gilt aber auch für die konkurrierenden Unternehmungen. Letztlich bildet sich in dem Bemühen um wechselseitiges Überbieten der Unternehmungen bei den Lohngeboten zwecks wechselseitiger Verbesserung der Auswahlmöglichkeiten bei den Mitarbeitern ein Lohnniveau, das höher ausfällt als bei geringer Lohnreagibilität der Bewerber als Gruppe betrachtet. Entsprechend würden die Unternehmungen ohne Diskriminierungsverbot die weiblichen Bewerbern weniger bieten als den Männern.

Mit Diskriminierungsverbot muss man mit dem gleichen Argument erwarten, dass Tätigkeiten, in denen der Frauenanteil höher ist als in anderen, die Frauendiskriminierung bei der Entlohnung entsprechend ausgeprägter ist.

Dieses Argument gilt aber auch, wenn es nicht um die Verhaltensunterschiede zwischen Männern und Frauen geht, sondern um Verhaltensunterschiede, die zwischen Menschen bestehen, welche eine unterschiedliche Berufswahl treffen. Wenn diejenigen, die sich für bestimmte Berufe entscheiden, als Gruppe eine niedrigere Lohnreagibilität aufweisen als andere Gruppen, werden diese Berufe schlechter bezahlt werden. Wenn wir der Einfachheit halber bei den gängigen Stereotypen bleiben, werden deshalb die im Marketing  Tätigen  höher bezahlt werden als die im Care-Bereich, weil bei den Marketing-Typen die finanziellen Motive stärker im Vordergrund stehen als bei den Care-Typen, deren Motivationslage anders (eher "intrinsisch") ist.

Mit anderen Worten: Diejenigen, die mehr hinter dem Geld her als andere werden letztlich auch mehr verdienen, selbst wenn die Fähigkeiten und Tätigkeiten in jeder relevanten Hinsicht völlig gleichartig sind.

Dabei sollte angemerkt werden,  dass die höhere "Produktivität" der Marketing-Typen keine Rechtfertigung für deren höhere Entlohnung sein kann, denn die gemessenen "Produktivität" von Marketing-Typen wird allein deshalb höher sein als von Care-Typen, weil die Produkte von M-Typen aufgrund der höheren Lohnkosten teurer sind und damit die Wertschöpfung von M-Typen höher ist als die von C-Typen. Dies gilt auch dann, wenn Tätigkeiten beider Gruppen als solche absolut vergleichbar wären. Derartige Produktivitätsargumente sagen nichts über den volkswirtschaftlichen Nutzen von Lohnunterschieden; wenn diese auf Unterschieden in der Lohnreagibilität beruhen.

Ferner ist die Entlohnung, die sich auf diese Weise im freien Markt bildet, "ineffizient", denn unter rein ökonomischen Gesichtspunkten sollte gleiche Arbeit gleich entlohnt werden; die Lohnreagibilität sollte für die Lohnhöhe keine Rolle spielen. Ich habe das verschiedentlich, z.B. hier  und hier dargelegt.

Wirtschaftspolitisch kann man nur wenig gegen derartige Lohnunterschiede zwischen (plakativ gesprochen) Marketing- und Care-Bereich unternehmen.  Man kann jedoch durch eine hohe Progression der Lohn- und Einkommenssteuer die Fehlentwicklung abschwächen, denn ein Teil von höheren Lohngeboten würde dann wegbesteuert und die Lohnreagibilität würde, aus Sicht der Unternehmungen, vermindert. Auch eine Stärkung der kollektiven Lohnsetzung kann helfen, denn diese orientiert sich stark an Gerechtigkeitsgesichtspunkten, welche im Arbeitsmarkt typischerweise in ähnliche Richtung weisen wie Effizienzerfordernisse. Ich habe versucht, diesen Zusammenhang hier allgemeinverständlich darzulegen.